Wien (OTS) – Die im Eigentum der Republik stehende Wiener Zeitung
GmbH ist aus
Perspektive von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich längst
überfällig für Reformen. Die mit heute, 24. Februar 2026, endende
Bewerbungsfrist für die Neubesetzung der Geschäftsführung bietet nun
die Gelegenheit für einen Neustart, der vor allem mit einem Ende der
parteipolitischen Einflussnahmen einhergehen muss. „Die nach der
Einstellung der Wiener Zeitung geschaffene Konstruktion“, erklärt
Generalsekretär Martin Wassermair, „widerspricht in mehrfacher
Hinsicht den Grundsätzen eines unabhängigen Journalismus.“ Die
österreichische RSF-Sektion hat deshalb schon im September 2025
Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz eingebracht und leitet
nun für die Neubesetzung der Geschäftsführung einen fünf Punkte
umfassenden Forderungskatalog daraus ab.
Zwtl.: 1) Unabhängige Führung statt parteipolitischer Besetzungen
Die Bestellung eines parteiunabhängigen Geschäftsführers
erfordert ein transparentes Auswahlverfahren für die Nachfolge, mit
einem öffentlichen Hearing der Shortlist und einem Auswahlverfahren
unter Einbindung von Wissenschaft, Medienpraxis und
Zivilgesellschaft. Zudem sind neue Modelle für Governance und
Aufsicht öffentlich-rechtlicher Medien notwendig.
Zwtl.: 2) Rücklagen für die Medienbranche einsetzen
Während große Teile der österreichischen Medienbranche unter
wirtschaftlichem Druck stehen, verfügt die Wiener Zeitung GmbH
weiterhin über 25 Millionen Euro laut Jahresabschluss 2024 aus
früheren Amtsblatt-Einnahmen. Diese sollen zur Förderung der
österreichischen Medienlandschaft Verwendung finden.
Zwtl.: 3) Keine Steuergelder für internationale Digitalplattformen
RSF-Recherchen haben ergeben, dass die Wiener Zeitung GmbH seit
dem Neustart 2023 mehr als eine halbe Million Euro für Werbung bei
Instagram, YouTube, TikTok und Facebook ausgegeben hat. Es braucht
einen vollständigen Stopp von Werbeausgaben staatlicher
Medienunternehmen bei globalen Tech-Konzernen.
Zwtl.: 4) Klare Qualitätskriterien statt unverbindlichem “Public
Value”
Der gesetzliche Auftrag des Online-Nachfolgeprodukts WZ.at ist
nicht präzise formuliert. Trotz hoher Ausgaben sind die Reichweiten
vielfach gering geblieben. Beispielsweise wurden 261 Videos auf
YouTube veröffentlicht im Jahr 2025 (1.1. bis 23.10.). Mehr als die
Hälfte (153 Clips) erreichte weniger als 1.000 Aufrufe, knapp 15
Prozent schafften nicht einmal 100 Aufrufe. Auf der Haben-Seite
stehen acht Videos mit mehr als 50.000 Aufrufen – auf TikTok sind es
gar 125. Ein neues Wiener-Zeitung-Gesetz soll für klar definierte
Qualitätsstandards sorgen und eine konsequente Ausrichtung aller
Inhalte am öffentlichen Mehrwert sicherstellen.
Zwtl.: 5) Rückbau neuer Geschäftsfelder und vollständige
Kostentransparenz
Mit „Media Hub“ inklusive Traineeships und der staatlichen
„Content Agentur Austria“ wurden die Geschäftsfelder der Wiener
Zeitung GmbH deutlich ausgeweitet – allerdings ohne messbare
Qualitätskriterien. Die bisherigen Beratungs-, Werbe- und
Projektkosten sind aufzuklären und die genannten Aufgaben an
etablierte externe Institutionen zu übertragen.
Fritz Hausjell, Präsident von Reporter ohne Grenzen (RSF)
Österreich, sieht Medienminister Andreas Babler in der Pflicht. „Es
liegt in seiner Hand, ob Österreich ein unabhängiges öffentliches
Medienunternehmen schafft oder ein politisch steuerbares Instrument
behält.“ Die anstehende Neubesetzung der Geschäftsführung der Wiener
Zeitung GmbH bietet dafür den entscheidenden medienpolitischen
Moment. „Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind jetzt zu reformieren
und langfristige politische Einflussmöglichkeiten für immer zu
beenden“, so Hausjell abschließend.
Ausführlichere Informationen in der Langfassung:
Reporter ohne Grenzen an Medienminister Babler: Entpolitisieren Sie die Wiener Zeitung GmbH!