Wien (OTS) – Vier Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von
Tschernobyl rücken
die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen erneut in den Fokus
der Öffentlichkeit. Besonders deutlich zeigt sich der Zusammenhang
zwischen radioaktiver Exposition und Schilddrüsenerkrankungen: In den
Jahren nach 1986 wurde ein signifikanter Anstieg von
Schilddrüsenkarzinomen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen in
den betroffenen Regionen, dokumentiert [1].
Die Schilddrüse reagiert empfindlich auf radioaktives Jod, das
nach nuklearen Ereignissen freigesetzt wird und sich selektiv in der
Schilddrüse anreichert. Paradoxerweise nutzt die moderne Medizin
genau diesen Mechanismus gezielt zur Behandlung differenzierter
Schilddrüsenkarzinome. Seit Jahrzehnten stellt die Radiojodtherapie
einen zentralen Bestandteil der Therapie dar, insbesondere nach
operativer Entfernung des Tumors. Bereits seit 1955 – 1956 wurden in
Österreich hochdosierte Radiojodtherapien zur Behandlung von
Schilddrüsenkarzinomen eingesetzt [2].
Dabei wird radioaktives Jod in definierter Menge (Aktivität)
verabreicht, um verbliebene Tumorzellen gezielt mit adäquaten
Herddosen zu zerstören, während umliegendes Gewebe weitgehend
geschont wird. Über die Jahrzehnte haben sich Indikationen,
Dosierungen und Therapieschemata erheblich verändert. Während früher
Standarddosen unabhängig von Risikoprofilen verabreicht wurden,
setzen moderne Leitlinien [3,4] auf eine individualisierte Therapie,
um Nebenwirkungen zu minimieren und die Effektivität zu maximieren.
Der Vergleich zwischen unkontrollierter Strahlenexposition, wie
nach Tschernobyl, und der gezielten medizinischen Anwendung
unterstreicht die Bedeutung von Dosis, Kontrolle und medizinischer
Expertise im Umgang mit radioaktiven Substanzen. Die Radiojodtherapie
ist heute eine sichere, zielgerichtete und evidenzbasierte Therapie
des differenzierten Schilddrüsenkarzinoms – ein entscheidender
Fortschritt für Patient:innen weltweit.
1.
Tronko MD, et al. A cohort study of thyroid cancer and other
thyroid diseases after the Chornobyl accident: Thyroid cancer in
Ukraine detected during first screening. J Natl Cancer Inst.
2006;98:897-903.
2.
Czech P, Die Anfänge der Radiojodtherapie in Österreich.
Nuklearmedizin. 2000;39:45–50.
3. Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin, S3-Leitlinie
Schilddrüsenkarzinom , 2023.
4. Haugen BR, et al. 2025 American Thyroid Association Guidelines for
Management of Differentiated Thyroid Cancer. Thyroid 2025.
Priv.-Doz. Dr. Gundula Rendl PhD MSc, Leiterin der Schilddrüsen-
AG der OGNT, Geschäftsführende Oberärztin der Universitätsklinik für
Nuklearmedizin und Endokrinologie,Uniklinikum der PMU Salzburg
