Wien (OTS) – Im Mai beginnt in Ö1 der Jahresschwerpunkt „Europa
weiter denken“ mit
einem „Im Gespräch“ mit Misha Glenny (15.5.) und der ersten Staffel
der „Radiokolleg“-Podcast-Reihe „Im Warteraum der EU“ (18.-21.5.).
Die zweite Staffel ist im Juni zu hören (15.-18.6.), ebenso ein „Im
Gespräch“ mit Ivan Krastev (19.6.) und „Menschenbilder“ mit György
Dalos (21.6.). Das gesamte Programm des Jahresschwerpunktes ist
laufend aktualisiert abrufbar unter
https://oe1.orf.at/europaweiterdenken .
Die EU will wachsen. Aber ist sie wirklich bereit, neue
Mitglieder aufzunehmen? Würde eine Erweiterung sie in einer Welt
stärken, in der Machtpolitik wieder an Bedeutung gewinnt, oder droht
sie daran zu zerbrechen, wenn zu viele Staaten mit am Tisch sitzen?
Auf dem Balkan warten sechs Länder seit fast einem Vierteljahrhundert
darauf, Teil der Europäischen Union zu werden. Bereits 2003 hatte die
EU ihnen versprochen: „Die Zukunft der Balkanstaaten liegt in der
Europäischen Union.“ Die Ö1-Podcast-Serie „Im Warteraum der EU“ reist
in jene Länder, die seit den Nullerjahren in die EU eintreten möchten
– Serbien, Kosovo, Nordmazedonien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro
und Albanien. Länder, die in Europa sind, aber noch nicht vollends
dazugehören. Und das, obwohl die Stimmung dort meist pro-europäischer
ist als in so manchem Mitgliedsland.
Die „Radiokolleg“-Podcast-Serie „Im Warteraum der EU“ befasst
sich in acht Episoden mit der EU-Erweiterung. Host der Serie ist die
Schauspielerin Marie-Luise Stockinger. Recherchiert hat sie die
Journalistin Franziska Tschinderle, die sich seit Jahren mit dem
Balkan beschäftigt und mittlerweile auch dort lebt. Die Reise geht
ins „Las Vegas“ des Balkans, eine für ihre Casinos bekannte Stadt an
der griechischen Grenze. Auf einen der malerischsten Berge
Montenegros. Auf eine Militärparade im Kosovo und an die letzten
unverbauten Wildflüsse des Kontinents. Zu Wort kommen eine Vielzahl
an Menschen: LKW-Fahrer in Nordmazedonien, ein katholischer Priester
in einem kleinen Dorf im Norden Albaniens. Eine Studentin in Serbien,
die seit Jahren gegen das autokratische Regime von Präsident
Aleksandar Vučić auf die Straße geht. Ein Fischer in Montenegro, der
in einem Dorf am Skadar-See lebt, dem größten See auf der
Balkanhalbinsel. Dazu kommen Interviews mit Entscheidungsträgern in
Brüssel und den europäischen Hauptstädten. Die einzelnen Folgen
thematisieren: „Die Erweiterung ist zurück“ (18.5.), „Kosovo: junger
Staat, alte Probleme“ (19.5.), „Nordmazedonien und seine nervigen
Nachbarn“ (20.5.), „Montenegro – kurz vor dem Ziel“ (21.5.), „Serbien
– Studierende gegen Vučić“ (15.6.), „Bosnien-Herzegowina – Versöhnung
durch Fußball?“ (16.6.), „Albanien – Eine Justizreform, die wehtut“ (
17.6.) und „Beziehungsstatus ‚kompliziert‘“ (18.6.). Der achtteilige
Podcast „Im Warteraum der EU“ ist unter ORF Sound abrufbar und im
„Radiokolleg“ von 18. bis 21. Mai und von 15. bis 18. Juni jeweils ab
9.05 Uhr in Ö1 zu hören.
Zwtl.: Misha Glenny, Ivan Krastev und György Dalos über Europa
Der Historiker und Balkan-Experte Misha Glenny ist am Freitag,
den 15. Mai zu Gast in „Im Gespräch“ (16.05 Uhr). Glenny zählt zu den
profiliertesten Kennern Südosteuropas. Der britische Journalist und
Historiker lebte in den 1990er Jahren in Wien und berichtete von da
als Korrespondent für die BBC und den „Guardian“ aus den
Krisengebieten des zerfallenden Jugoslawiens. 1999 erschien sein Buch
„The Balkans: Nationalism, War and the Great Powers“, eine Analyse
der Entwicklungen der letzten zwei Jahrhunderte in der Region. Von
2022 bis Ende März 2026 war Misha Glenny Rektor des Instituts für die
Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien. Anfang 2026 übernahm er
zudem die Moderation der BBC-Radio-Kultsendung „In Our Time“. Über
seine Analysen zu Demokratie, Autoritarismus und geopolitische
Machtkämpfe im südöstlichen Europa gerade in Zeiten, in denen der
Westbalkan erneut im Spannungsfeld zwischen EU-Integration und
konkurrierenden Einflüssen steht, spricht Birgit Dalheimer mit Misha
Glenny.
Unter dem Titel „Europa braucht eine neue Identität“ spricht
Armin Wolf mit dem Politologen Ivan Krastev über die Krise der
liberalen Demokratie, die Rückkehr des Krieges als Mittel der Politik
und die Zukunft Europas – in „Im Gespräch“ am Freitag, den 19. Juni
ab 16.05 Uhr in Ö1. Der bulgarische Politikwissenschafter gilt als
einer der originellsten Analytiker der aktuellen Weltpolitik. Krastev
berät Staats- und Regierungschefs in ganz Europa, kennt Wladimir
Putin, schreibt regelmäßig Kolumnen für „Financial Times“ und „New
York Times“ und ist Autor weltweit beachteter Bücher und Essays. Der
61-Jährige lebt seit vielen Jahren in Wien als Permanent Fellow des
Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), das er derzeit
auch leitet. Krastev ist davon überzeugt, dass die Weltordnung des
20. Jahrhunderts nicht 1989 mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zu
Ende ging, sondern erst in den letzten Jahren – mit dem russischen
Überfall auf die Ukraine und der Rückkehr militärisch basierter
Machtpolitik. Die Flüchtlingskrise von 2015/2016 hält er für „Europas
9/11“, die ungarische Parlamentswahl für das wichtigste europäische
Ereignis des Jahres und Demografie für einen wesentlich
unterschätzten Faktor geopolitischer Entwicklungen.
„Ungarn als Experimentierfeld der Geschichte“ lautet der Titel
der „Menschenbilder“ über György Dalos am Sonntag, den 21. Juni ab
14.10 Uhr in Ö1. Cornelius Hell hat den in Berlin lebenden
Schriftsteller und Historiker besucht. Der 1943 in Budapest geborene
Dalos hat die ungarische Zeitgeschichte in vielen Facetten selbst
erlebt und sich intensiv in zahlreichen Buchveröffentlichungen damit
auseinandergesetzt. Viele seiner Verwandten waren im Holocaust
umgekommen, daher bedeutete sein Judentum für ihn zuerst das Wissen
um solche Geschichten. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr wurde György
Dalos in jüdischen Internaten religiös erzogen und lernte Hebräisch,
später wurde er überzeugter Atheist. 1962 bis 1967 studierte er in
Moskau Geschichte, 1964 erschien sein erster Gedichtband und er trat
in die Kommunistische Partei ein. 1968 wurde er als maoistischer
Linksabweichler zu einer Haftstrafe verurteilt; danach arbeitete er
als Übersetzer, da er anders kaum publizieren konnte. 1977 war er Mit
-Initiator der ungarischen Demokratiebewegung, 1987 kam er mit einer
Reisetasche und der Schreibmaschine seines Vaters nach Wien, wo er
bis 1995 hauptsächlich lebte.
