Nahversorgung mit Medikamenten am Prüfstand – patientengerecht oder krisenanfälliger als gedacht?

Wien (OTS) – Der Schutzverband der Hausapotheken führenden Ärztinnen
und Ärzte
Österreichs lud eine Expertenrunde zum Gespräch über die Qualität und
Sicherheit der Medikamentenversorgung in Österreich. Auch über neue
Wege, wie die Patientinnen und Patienten künftig zu ihren
verschriebenen Arzneimitteln kommen können, wurden diskutiert.

Dr. Carmen Berti-Zambanini , Obfrau des Schutzverbandes
Hausapotheken führende ÄrztInnen betonte gleich zu Beginn der
Veranstaltung, dass die Hausapotheken führenden Ärzte ihre Patienten
auch in der Corona-Zeit umfassend mit Arzneimitteln versorgen
konnten. Grundlage für diese Versorgungssicherheit war die Erfahrung
der Ärzte mit jedem einzelnen Patienten und das Netzwerk der Ärzte
bei der Beschaffung von Medikamenten. „Wir können auch jetzt rasch
auf Engpässe reagieren und unsere Patienten sofort beim Arztgespräch
die passenden Medikamente anbieten und so zusätzliche Wege ersparen.
Diese großen Erfahrungen resultiert daher, dass die rund 800
Hausapotheken seit vielen Jahrzehnten die Bevölkerung mit
Arzneimitteln versorgen. Unser Einzugsgebiet umfasst dabei
österreichweit bis zu 3 Millionen zu versorgende Menschen“,
unterstrich Berti-Zambanini die umfassende Bedeutung der
Hausapotheken.

Theresa Holler , verantwortliche Apothekerin und Vorständin von
Redcare Pharmacy, bekannt unter dem Markennamen Shop Apotheke,
stellte klar, dass es nicht um alte gegen neue Verteilstrukturen
gehen darf, wenn der Patient im Mittelpunkt stehen soll: „Die Frage
sollte nicht lauten: Apotheke vor Ort oder Hausapotheke oder online?
Die Frage muss lauten: Wie versorgen wir Patienten mit Arzneimitteln
am besten? Die Antwort ist ein Miteinander. Vor-Ort-Apotheke,
Hausapotheke und Online-Apotheke – jeder Kanal hat seine Berechtigung
zum Wohle der Patienten. Genau dafür setzen wir uns bei Redcare
Pharmacy mit Shop Apotheke tagtäglich ein.“

Angesprochen auf das medial kolportierte Sterben von Apotheken in
Deutschland, betonte Holler, dass online Anbieter dafür nicht die
Ursache sind: „Wir haben bei rezeptpflichtigen Medikamenten einen
Marktanteil von 1%. Apotheken in Deutschland schließen aus anderen
Gründen. Zum einen wurden nach dem Ende des Mehrbesitzverbotes
Apotheken von Mitbewerbern aufgekauft und als bisherige Konkurrenz
geschlossen. Viele Apotheken sperren auch zu, weil es in der Nähe
keine Ärzte mehr gibt und auch der Nachwuchsmangel bei den Apothekern
in Deutschland führt zu Schließungen.“

Dr. Silvester Hutgrabner , Leiter des Referates Hausapotheken und
Medikamentenangelegenheiten in der Ö. Ärztekammer, macht vor allem
das langsame Tempo, wenn es um Versorgungssicherheit geht,
nachdenklich. „Versorgungssicherheit können wir nur in Europa regeln
und erreichen, aber nicht in dem derzeitigen Schlafmodus. Wenn wir
weiter schlafen, werden uns Indien und China noch weiter
davonlaufen“, warnt Hutgrabner.

Hutgrabner kam auch auf einen Aspekt des Umweltschutzes zu
sprechen. Dazu bezieht sich Hutgrabner auf eine Studie des Energie
Institutes der Johannes Kepler Universität aus 2010. Demnach würden
Patienten und Angehörige bei einem uneingeschränkten Dispensierrecht
für alle Hausärzte in ganz Österreich jährlich nach dem Praxisbesuch
um rund 24 Mio. KfZ-km weniger zur Medikamentenbeschaffung
zurücklegen. „Wir reden wir immer von Green Deal, aber da spielen
diese KfZ-Kilometer für die Politiker beim Umweltschutz keine Rolle“,
wundert sich Hutgrabner.

Mag. Bernd Grabner, gab als Mitglied der Geschäftsführung von
Jacoby Pharma, einen Einblick in die bekannt gewordenen
Lieferprobleme bei den Gratisimpfstoffen und den umständlichen
Bestellmodus für Ärzte. Dabei verwies Grabner auf die Vorgaben der
Politik. Diese hat den Großhandel aus Ankauf und Verteilung der
Impfstoffe herausgenommen. Dabei hat, so Grabner, davor die Zeit der
Corona-Krise gezeigt, dass die bewährten Wege bei der Versorgung mit
Medikamenten die resilientesten sind.

Grabner, der viele Jahre in Brüssel Präsident des Verbandes der
Arzneimittelvollgroßhändler in Europa war, beklagte auch das
mangelnde Verständnis in der österreichischen Politik für
betriebswirtschaftliche Zusammenhänge. So sind die Margen für
Medikamente seit 2004 für den Großhandel, die Hausapotheken und die
öffentlichen Apotheken nicht gestiegen, sehr wohl aber der VPI um
rund 70% und der Tariflohnindex um ca. 75%. „Da geht es sich nicht
aus, wenn die Politik eine krisensichere Versorgung verlangt, aber
dafür nichts bezahlen will“, kritisiert Grabner. Er berichtet in
diesem Zusammenhang auch von einem anderen Aspekt. Der Großhandel
verteil jährlich 100 Millionen Packungen mit einem Rohdeckungsbetrag
von unter 1 Euro. Das ist, so vergleicht der Logistikexperte, weniger
als die Post für die Beförderung eines Standardbriefes bekommt. Nach
Verhandlungen mit der Politik konnte erreicht werden, dass nun
dauerhaft 13 Cent pro Packung unter der Erstattungsgrenze von 5 Euro
zugezahlt werden. „Das war harte Arbeit, aber wir sind
Wirtschaftsbetriebe, die auch nicht davon leben, dass sie Geld in die
Verteilung hineinstecken, sondern welches damit verdienen“, berichtet
Grabner von den Gesprächen mit der Politik um die Absicherung eines
funktionierenden Großhandels mit Medikamenten.

Dr. Martina Haag , Rechtsanwältin mit Spezialisierung auf Medizin
– und Arzneimittelrecht verlangt Änderungen vor allem im §29
Apothekengesetz, wenn es um eine patientengerechte Versorgung mit
Medikamenten geht. „Wenn wir die Versorgung mit Medikamenten
umfassend sicherstellen wollen, müssen wir hier ansetzen“, so die
Juristin und nennt ein Beispiel: „Derzeit ist es so, dass nach dem
Gesetz nur der Arzt Medikamente aus der Hausapotheke abgeben darf,
der die Konzession zur Hausapotheke hält. Läßt er sich in seiner
Ordination wegen Krankheit, Fortbildung oder Urlaub vertreten, darf
die Vertretung keine Medikamente abgeben und muß die Patienten dann
an die meist weit entfernte öffentliche Apotheke verweisen. Das ist
völlig realitätsfremd, hier hat das Parlament Handlungsbedarf!“

Ein weiteres, ähnliches Manko besteht laut der Obfrau des
Schutzverbandes, Berti-Zambanini, bei den PVEs. Dort hat der
Gesetzgeber neben den Ärzten auch Physiotherapeuten, Logopäden,
Psychotherapeuten, Diätologen und sogar Sozialarbeiter vorgesehen,
samt langer Öffnungszeiten bis weit nach 18 Uhr. Worauf der
Gesetzgeber aber völlig vergessen hat, ist die Möglichkeit in PVEs
dann auch Medikamente abgeben zu können. Statt dessen müssen die
Patienten weiterhin in die Apotheken pilgern. Besonders nach 18 Uhr,
wenn die meisten Apotheken schon geschlossen haben, bedeutet das dann
weite Wege zur nächsten Nachtdienstapotheke. „Weitsichtige und vor
allem patientenfreundliche Politik schaut anders aus“, wirft Berti-
Zambanini der Politik bei der Medikamentenversorgung Klientelpolitik
zu Lasten der Bevölkerung vor.