HKS-Farben: Warum eine präzise Farbreferenz wichtiger ist als jeder Farbmythos

Redaktion

Ein Gastbeitrag von Selin Alica

Auf einer Broschüre wirkt das Firmenrot kräftig und ausgewogen. Auf einem Messedisplay erscheint es dunkler, auf einem Banner leicht orange und auf einer hinterleuchteten Textilgrafik beinahe blass. Dabei wurden überall dieselben Farbwerte verwendet.

Was für Auftraggeber wie ein Produktionsfehler aussieht, ist häufig die Folge einer falschen Erwartung: Eine Farbnummer allein erzeugt nicht auf jedem Material, mit jeder Maschine und unter jeder Beleuchtung denselben sichtbaren Farbton.

Genau hier liegt der Nutzen von HKS. Das Sonderfarbensystem macht Farben nicht automatisch schöner, auffälliger oder verkaufsstärker. Es schafft eine gemeinsame Referenz, mit der Unternehmen, Agenturen und Druckereien eindeutiger festlegen können, welcher Farbton gemeint ist und unter welchen Bedingungen er beurteilt werden soll.

Farbmythos 1: Gleiche Farbwerte erzeugen überall dieselbe Farbe

Farbwerte beschreiben eine Vorgabe, aber noch kein identisches sichtbares Ergebnis. Papierweiß, Oberflächenstruktur, Saugfähigkeit, Beschichtung, Tintensatz, Druckprofil und Beleuchtung verändern die Wahrnehmung. Selbst bei identischer Datei können deshalb verschiedene Druckprodukte sichtbar voneinander abweichen.

Auf gestrichenem Papier bleibt ein größerer Teil der Farbe an der Oberfläche. Der Farbton wirkt häufig satter, glatter und kontrastreicher. Naturpapier nimmt mehr Farbe in seine Struktur auf; derselbe Zielton kann matter, dunkler oder weniger gesättigt erscheinen. Auch ein Wechsel des Referenzpapiers zwischen Farbfächerauflagen kann Unterschiede hervorrufen, obwohl die ursprüngliche Farbrezeptur unverändert bleibt.1

Für markenkritische Anwendungen ist daher nicht nur der Zahlenwert entscheidend. Material, Druckverfahren, Oberflächenveredelung und Freigabereferenz müssen gemeinsam betrachtet werden.

Farbmythos 2: Eine HKS-Nummer ist bereits eine vollständige Produktionsvorgabe

HKS ist ein standardisiertes Sonderfarbensystem für die grafische Industrie. Die Abkürzung geht auf Hostmann-Steinberg, Kast + Ehinger und H. Schmincke & Co. zurück. Der gemeinsame HKS-Standard wird seit 1968 geführt.3

HKS Classic umfasst 88 Basisfarben. HKS 3000+ ergänzt jede Basisfarbe um 39 Nuancen. Zusammen mit dem jeweiligen Grundton ergeben sich 40 Varianten pro Basisfarbe und insgesamt 3.520 Volltonfarben.1

Die Farbreferenzen werden für unterschiedliche Papierarten dargestellt. Im aktuellen Produktsortiment stehen vor allem folgende Varianten im Mittelpunkt:

  • HKS K für gestrichenes Kunst- beziehungsweise Bilderdruckpapier,

  • HKS N für ungestrichenes Naturpapier.

Eine Angabe wie „HKS 14“ bleibt deshalb unvollständig. Erst „HKS 14 K“ oder „HKS 14 N“ beschreibt, auf welcher Papierart die Farberwartung beruht. Für eine belastbare Beauftragung sollte zusätzlich feststehen, ob eine echte Sonderfarbe eingesetzt oder der Farbton in CMYK beziehungsweise im Digitaldruck angenähert werden soll.

Farbmythos 3: HKS und CMYK bezeichnen dasselbe Ergebnis

Im klassischen CMYK-Druck entsteht ein Farbton aus Rasterpunkten von Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz. Eine echte HKS-Sonderfarbe wird dagegen separat hergestellt oder nach einer definierten Rezeptur angemischt und in einem eigenen Druckwerk aufgetragen.

Große Volltonflächen können dadurch ruhiger und geschlossener erscheinen. Bestimmte kräftige oder markenkritische Farbtöne lassen sich als Sonderfarbe zudem zuverlässiger erreichen als mit einer CMYK-Mischung. Dem stehen zusätzlicher Rüst- und Reinigungsaufwand, eine weitere Druckplatte, mögliche Restfarben und häufig höhere Kosten bei kleinen Auflagen gegenüber.

HKS stellt auch CMYK-Separationen für seine Basisfarben bereit. Diese gelten jedoch nur für definierte Papier- und Offsetbedingungen. Sie sind keine universellen Rezepte, die auf jedem Drucksystem und jedem Material zum identischen Ergebnis führen.2

Wer einen HKS-CMYK-Wert aus einer beliebigen Online-Tabelle übernimmt und unverändert für Broschüren, Folien und Textilien verwendet, arbeitet deshalb mit einer Annäherung. Ob sie ausreichend genau ist, lässt sich nur in der vorgesehenen Produktion beurteilen.

Farbmythos 4: Ein Papierproof genügt für jedes Druckprodukt

Im Digital-, Textil- und Großformatdruck wird üblicherweise keine fertig angemischte HKS-Farbe in die Maschine gefüllt. Die HKS-Nummer dient als Zielreferenz. Das Drucksystem versucht, sich diesem Ziel mit dem verfügbaren Tintensatz, dem hinterlegten ICC-Profil und den gewählten Produktionsparametern anzunähern.

Deshalb ist die Aussage „Wir drucken exakt in HKS 14“ im digitalen Großformatdruck häufig zu absolut. Fachlich angemessener ist: HKS 14 dient als Zielreferenz; auf dem gewählten Material wird die bestmögliche Annäherung ermittelt. Bei markenkritischen Anwendungen empfiehlt sich ein Materialproof.

Das gilt beispielsweise für Roll-Ups für Messe, Verkauf und Präsentation. Die Grafik wird digital auf ein flexibles Bannermaterial gedruckt. Materialweiß, Oberflächenbeschichtung und Druckprofil beeinflussen, wie nah der sichtbare Ton an der HKS-Referenz liegt.

Textile Druckmedien stellen zusätzliche Anforderungen. Gewebestruktur, Faserart, Beschichtung und Lichtdurchlässigkeit verändern die Reflexion. Ein Ton, der auf glattem Bilderdruckpapier kräftig erscheint, kann auf Textil weicher und weniger gesättigt wirken.

Auch bei großformatigen Werbebannern für Innen- und Außeneinsätze reicht die HKS-Nummer allein nicht als Produktionsdefinition. Geschlossenes PVC, Mesh-Gewebe und andere Bannermaterialien besitzen unterschiedliche Oberflächen, Weißpunkte und Lichtdurchlässigkeiten.

Bei hinterleuchteten Grafiken verändert das Licht die Farbbalance zusätzlich. Ein Farbton kann unbeleuchtet passend erscheinen und bei eingeschalteter Beleuchtung zu hell, zu kühl oder weniger gesättigt wirken. Ein gewöhnlicher Papierproof bildet diese Situation nur eingeschränkt ab. Die Freigabe sollte deshalb möglichst auf dem tatsächlichen Material und bei Backlit-Anwendungen am beleuchteten System erfolgen.

Farbmythos 5: HKS lässt sich eindeutig in HEX, Pantone oder RAL übersetzen

Im Internet finden sich zahlreiche Tabellen, die HKS-Töne scheinbar exakt mit CMYK-, RGB-, HEX-, Pantone- oder RAL-Werten gleichsetzen. Solche Übersichten vermitteln eine Genauigkeit, die technisch nicht besteht.

Ein HEX-Wert ist lediglich eine Schreibweise für einen RGB-Wert. Seine sichtbare Darstellung hängt unter anderem vom RGB-Farbraum, Monitorprofil, Weißpunkt und der Kalibrierung ab. Ein CMYK-Wert bleibt ohne Angabe der Druckbedingung ebenfalls unvollständig.

RAL wurde vor allem für Lacke, Beschichtungen, Architektur und industrielle Anwendungen entwickelt. Eine angenäherte RAL-Farbe auf einer lackierten Messetheke und eine HKS-Farbe auf einer Broschüre können ähnlich erscheinen, sind aber keine identischen Referenzen. Konkordanztabellen können die Musterauswahl vorbereiten; eine reale Freigabe auf dem vorgesehenen Material ersetzen sie nicht.

Farbmythos 6: Eine HKS-Farbe macht eine Marke automatisch erfolgreicher

Es gibt keine belastbare Studie, nach der allein die Verwendung des HKS-Systems eine Marke bekannter macht, mehr Aufmerksamkeit erzeugt oder den Umsatz steigert. Untersucht wurde jedoch, wie Farbe als Markenelement wirken kann.

Lauren Labrecque und George Milne analysierten in vier Studien, wie Farbton, Sättigung und Helligkeit mit Markenpersönlichkeit, Vertrautheit, Sympathie und Kaufabsicht zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigen, dass Farbe Markenassoziationen beeinflussen kann.4

Daraus folgt keine einfache Regel wie „Blau schafft Vertrauen“ oder „Rot verkauft besser“. Die Wirkung hängt von Produkt, Positionierung, Zielgruppe, kulturellem Umfeld und gestalterischem Zusammenhang ab.

Der Report „Be Distinctive. Everywhere“ von Ipsos und Jones Knowles Ritchie verdeutlicht zudem, wie anspruchsvoll es ist, allein über Farbe Wiedererkennung zu erreichen. Untersucht wurden mehr als 5.000 Markenelemente von 523 Marken mit über 26.000 Befragten in 25 Ländern. Nur vier Prozent der getesteten Farbelemente erreichten den höchsten Distinktionsgrad.5

Eine starke Markenfarbe wirkt deshalb typischerweise gemeinsam mit Logo, Typografie, Formen, Bildsprache, Produktgestaltung und konsequenter Wiederholung. HKS erzeugt diese Wirkung nicht. Das System kann aber helfen, eine einmal festgelegte Druckfarbe eindeutiger und unter vergleichbaren Bedingungen konsistenter umzusetzen.

Was in der Produktionspraxis tatsächlich zählt

Aus der Großformat- und Messegrafikpraxis lassen sich vier wiederkehrende Beobachtungen ableiten:

  • Textil reflektiert anders als Folie. Ein Farbton kann auf Gewebe weicher und auf einer glatten Plane satter wirken.

  • Glänzende Laminate erhöhen Reflexionen und Kontraste. Matte Oberflächen streuen Licht und lassen Farben häufig ruhiger erscheinen.

  • Große Flächen machen Abweichungen sichtbarer. Ein kleiner Unterschied im Logo kann auf einer kompletten Rückwand deutlich stören.

  • Dieselbe Datei ist kein identisches Produktionsrezept. Gleiche CMYK-Werte führen auf verschiedenen Maschinen, Profilen und Materialien nicht automatisch zum gleichen sichtbaren Ergebnis.

Das realistische Ziel ist daher nicht die mathematische Identität sämtlicher Farbwerte. Entscheidend ist ein visuell zusammengehöriger Markenauftritt, dessen Abweichungen vor der Produktion geprüft und bewusst freigegeben wurden.

Wann sich eine echte Sonderfarbe wirtschaftlich lohnt

Eine HKS-Sonderfarbe kann sinnvoll sein, wenn eine Hausfarbe regelmäßig produziert wird, große Volltonflächen benötigt werden, der Zielton in CMYK sichtbar abweicht oder vergleichbare Nachauflagen geplant sind. CMYK oder Digitaldruck können wirtschaftlicher sein, wenn kleine Auflagen, fotografische Motive oder einmalige Kampagnen im Vordergrund stehen.

Der Nutzen eines definierten HKS-Workflows liegt nicht allein im Farbton. Wirtschaftlich relevant wird er vor allem durch eindeutigere Vorgaben, weniger Rückfragen, kürzere Freigaben, besser vergleichbare Nachauflagen und ein geringeres Reklamationsrisiko.

Ein sauberer Freigabeprozess kann außerdem Ressourcen sparen, wenn er Fehlproduktionen und unnötige Neudrucke verhindert. Ein zusätzliches Sonderfarbwerk verursacht andererseits mehr Rüst- und Reinigungsaufwand. Auch ökologisch hängt die Bewertung daher vom konkreten Auftrag ab.

Sieben Schritte für eine belastbare Farbfreigabe

Die wichtigste Entscheidung fällt vor dem Druck. Unternehmen sollten nicht nur eine Markenfarbe auswählen, sondern auch festlegen, wie diese Farbe auf unterschiedlichen Medien reproduziert und freigegeben werden soll.

  1. Vollständige HKS-Bezeichnung einschließlich der Papierklasse festlegen.

  2. Zielmaterial und Druckverfahren bestimmen.

  3. Prüfen, ob eine echte Sonderfarbe oder eine prozessbezogene Annäherung vorgesehen ist.

  4. Muster auf dem tatsächlichen Material produzieren.

  5. Das Muster unter realistischen Lichtbedingungen beurteilen.

  6. Freigabe, Material, Drucksystem und Produktionsparameter dokumentieren.

  7. Ein freigegebenes Referenzmuster für spätere Produktionen archivieren.

HKS kann Marken helfen, präziser über Druckfarbe zu sprechen. Das System beseitigt keine Materialunterschiede, ersetzt keine Markenstrategie und garantiert keinen Verkaufserfolg. Sein Wert ist nüchterner und gerade deshalb relevant: HKS definiert die Farberwartung. Material, Produktionsverfahren und Freigabeprozess bestimmen das sichtbare Ergebnis.

Über die Autorin

Selin Alica ist seit 2024 Teil des Teams von displayhersteller. Als Mediengestalterin mit Schwerpunkt Content Management sorgt sie dafür, dass Informationen rund um Produkte und Fachthemen strukturiert, ansprechend und verständlich aufbereitet werden. Aufgewachsen in einem familiengeführten Messebauunternehmen, ist sie seit früher Kindheit mit der Messebranche vertraut.

Über displayhersteller

displayhersteller ist eine Marke der Maxxi Print Großbildlösungen GmbH und Ihr Partner rund um mobile Messestand-Lösungen. Als Spezialist für modulare Displaysysteme für Messen, Events und den Point of Sale umfasst das Portfolio unter anderem beleuchtete LED-Messestände, LED-Messewände sowie mobile und modulare Präsentationslösungen. Mit eigenem Druckhaus seit 1998, eigener Produktion und fundierter Expertise unterstützt displayhersteller Unternehmen bei der professionellen Umsetzung ihrer Messe- und Markenauftritte.

Quellen

1. HKS-Warenzeichenverband: Fächerset HKS 3000+ – 88 Basisfarben, 39 Nuancen sowie 3.520 Volltonfarben in K und N.

https://www.hks-farben.de/de_de/produkte/faecherset-hks-3000-03/

2. HKS-Warenzeichenverband: Farbtafeln K + N – CMYK-Separationen und definierte Offsetbedingungen.

https://www.hks-farben.de/de_de/produkte/farbtafeln-k-n-012/

3. H. Schmincke & Co.: DESIGNERs Gouache – Produktbroschüre mit Einordnung der HKS-Gründungsunternehmen und des gemeinsamen Standards seit 1968.

https://www.schmincke.de/fileadmin/schmincke_input/produkte/12_HORADAM_Gouache/brosch%C3%BCren/95420097_Gouache_Broschuere_DE_EN.pdf

4. Labrecque, Lauren I.; Milne, George R.: Exciting Red and Competent Blue: The Importance of Color in Marketing. Journal of the Academy of Marketing Science.

https://doi.org/10.1007/s11747-010-0245-y

5. Ipsos; Jones Knowles Ritchie: Be Distinctive. Everywhere.

https://www.ipsos.com/en-uk/be-distinctive-everywhere

6. displayhersteller: HKS-Farben – Sonderfarben, HKS 3000+, CMYK und Markenwirkung.

https://www.displayhersteller.de/ratgeber/know-how/hks-farben-das-optimale-farbsystem-fuer-den-druck