Wien (OTS) – Die Geotechnik ist wesentlich für die öffentliche
Infrastruktur und
ein wichtiger Hebel zur nachhaltigen Reduktion des weltweiten CO 2 –
Fußabdrucks. Bis zu 90 % des klassischen Bodenaushubes wären heute
technisch verwertbar, etwa durch Aufbereitung, Wiederverwendung oder
lokale Materialkreisläufe. Durch Bodenverbesserungen statt
Bodenaustausch könnten die CO 2 e-Emissionen, das sind die
Kohlendioxid-Äquivalente, bei Gründungsprojekten um bis zu 50%
reduziert werden. Auch die Anwendung von alternativen Bindemitteln
wie Geopolymere oder kalzinierte Tone könnten bis zu 70 % der CO 2 –
Emmissionen einsparen, die bei Zementherstellung ausgestoßen werden.
Was es braucht, um mithilfe einer aktiven Rolle der Geotechnik bis
2040 klimaneutral zu werden und welche neuen Fortschritte und
Innovationen in der Geotechnik hervorgebracht werden, darum geht es
unter anderem in der internationalen Konferenz für Bodenmechanik und
Geotechnik ICSMGE, die vom 14. bis 19. Juni im Austria Center Vienna
stattfindet.
„Obwohl in der Öffentlichkeit meist nicht wahrgenommen ist die
Geotechnik eine Schlüsseldisziplin in der Errichtung und Erhaltung
für Infrastruktur, sei es im U-Bahn-, Tunnel- oder Straßenbau. In der
Bewältigung der klimawandelbedingten Herausforderungen ist die
Geotechnik besonders im Bereich Hochwasserschutz und
Hangstabilisierungen gefordert, wobei hochentwickelte in-situ
Überwachungssysteme eine zentrale Rolle spielen. Dem wird sowohl in
Vorträgen als auch in der umfangreichen Fachausstellung Rechnung
getragen. Da die Baubranche durch Baumaterialien und Bauprozesse
generell an die 10 % der CO 2 -Emmissionen weltweit verursacht, ist
es im Sinne des Klimaschutzes essenziell, dass die Geotechnik gute
Lösungswege findet, um den CO 2 -Fußabdruck in diesem Bereich zu
reduzieren. Und die gute Nachricht ist, mit Recycling-Konzepten,
Geopolymeren für den Ersatz von Zement und Bodenmischverfahren statt
Bodenersatz sind vielversprechende Lösungen am Tisch, für die es nun
gilt, die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen und ihre Umsetzung zu
fördern“, betont Prof. Helmut F. Schweiger, Präsident der Austrian
Geotechnical Society und Kongresspräsident der internationalen
Konferenz für Bodenmechanik und Geotechnik ICSMGE (International
Conference on Soil Mechanics and Geotechnical Engineering).
Zwtl.: Geotechnik – wesentlicher Hebel für die CO 2 -Reduktion
„In Österreich verursacht die Bau- und Gebäudewirtschaft rund 20
bis 25 % der gesamten österreichischen Treibhausgas-Emissionen. 10
bis 15 % davon entfallen indirekt auf Baustoffe und Bauprozesse wie
Zement, Stahl, Erdbau und Transporte“, so Schweiger. Für ihn liegt
der große CO 2 -Hebel nicht im Betrieb, sondern vor allem im Erdbau,
der Bodenstabilisierung, dem Materialeinsatz sowie im Transport und
der Logistik.
Zwtl.: Erdbau und Bodenaushub: bis zu 90 % Recyclingpotenzial
„Derzeit wird 60 bis 80 % des Bodenaushubs in Österreich
deponiert. Das liegt vor allem daran, dass Boden rechtlich und
organisatorisch als Abfall behandelt wird und nicht als Ressource.
Derzeit werden daher nur 15 bis 25 % des Aushubs stofflich verwertet.
Oft ist die Deponierung einfacher als die Verwertung. Das Potenzial
liegt jedoch weit höher, sogar bei bis zu 90 %“, betont Schweiger.
Durch den Transport, die Deponierung und den Ersatz durch
Primärstoffe kommt es daher zu einer hohen CO 2 -Belastung. Durch
eine Änderung der gesetzlichen Lage und den Einbezug des CO 2 –
Fußabdrucks bei Ausschreibungs- und Vergabekriterien könnte das
Recyclingpotenzial besser ausgeschöpft werden. Sogenannte „CO 2 –
Rechner können nämlich schon jetzt den Fußabdruck, welchen eine
Baumaßnahme hinterlässt, gut beurteilen. Durch Einbezug dieser
Komponente bei Ausschreibungen würde der Fokus neben Kosten und
Bauzeit auch auf die Nachhaltigkeit erweitert werden. Neue innovative
Verfahren der Kreislaufwirtschaft, die es jetzt schon gibt, würden
dann, wenn umweltfreundliches Verhalten endlich belohnt wird,
verstärkt in der Praxis ankommen“, erläutert Schweiger.
Zwtl.: Zementreduktion durch alternative Bindemittel: bis zu – 70 %
Einsparungspotenzial
„Allein die Zement- und Kalkherstellung stößt jährlich 0,6 bis
0,9 Tonnen CO 2 pro Tonne Zement aus. Durch den Einsatz von
zementreduzierten Bindern, alternativen Bindemitteln und optimierter
Dosierung kann ein CO 2 -Einsparungspotenzial von -30 bis – 70 % bei
Bodenstabilisierung und Erdbau erreicht werden“, erklärt der
Geotechniker. So kann der Zementanteil beispielsweise durch den
Einsatz von Geopolymeren, das sind alkalisch aktivierte Bindemittel
wie Flugasche und Hüttensand, die ähnliche Materialeigenschaften wie
Zement haben, deutlich reduziert werden. Großer Vorteil bei diesen
zementreduzierten Systemen ist, dass sie mit der bestehenden Technik
kompatibel und in der Praxis am einfachsten skalierbar sind. Auch der
Einsatz von kalzinierten Tonen, das sind natürliche Tone, die durch
Erhitzen behandelt wurden, oder recycling-basierten Binder wie
Ziegelmehl, Bohrschlamm und Industrieasche können zur Reduktion
beitragen.
Zwtl.: Straßenbau und Brenner Basistunnel als Beispiele für
Kreislaufwirtschaft
Der neue Brenner Basistunnel, der 2032 eröffnet werden soll,
zeigt vor, wie Recycling und Kreislaufwirtschaft im Erbau gut
funktionieren kann. „Hier wird das Tunnelausbruchsmaterial systemisch
charakterisiert, aufbereitet und als Dammmaterial, Tragschichten und
Zuschläge wiederverwendet. Insgesamt 50 % des Ausbruchsmaterials wird
so stofflich verwertet. Das ist eine massive Reduktion von
Transporten und Deponierung. Das Erfolgsrezept lautet hier
frühzeitige geotechnische Klassifizierung, baustellennahe Logistik
und Aufbereitung sowie klare Trennung des Abbruchmaterials in
geeignete und ungeeignete Komponenten,“ erklärt Schweiger. Auch der
Straßenbau gilt als Vorzeigeprojekt der Kreislaufwirtschaft. „Das
liegt auch daran, dass wir bei Materialien, die künstlich hergestellt
werden, wie Asphalt, ein Deponieverbot haben. Dadurch wird im
Straßenbau bis zu 95% der Materialien wiederverwertet“, so der
Fachmann.
Zwtl.: Klimaneutralität bis 2040 nur mit aktiver geotechnischer Rolle
„Durch die Kombination all dieser Hebel – sprich Binderreduktion,
Bodenmischverfahren statt Bodenaustausch und Aushubkreisläufe wäre
eine Reduktion des baubezogenen CO 2 -Fußabdrucks um ca. 30 bis 40 %
bis 2030 realistisch. Eine Klimaneutralität bis 2040 ist, laut meiner
Einschätzung, nur mit aktiver Rolle des Erdbau- und Spezialtiefbaus
erreichbar“, betont Schweiger.
Über die IAKW-AG und die ICSMGE
Die IAKW-AG (Internationales Amtssitz- und Konferenzzentrum Wien,
Aktiengesellschaft) ist verantwortlich für die Erhaltung des Vienna
International Centre (VIC) und den Betrieb des Austria Center Vienna.
Das Austria Center Vienna ist mit 21 Sälen, 134 Meetingräumen sowie
rund 26.000 m 2 Ausstellungsfläche Österreichs größtes
Kongresszentrum und gehört zu den Top-Playern im internationalen
Kongresswesen. Die International Conference on Soil Mechanics and
Geotechnical Engineering – ICSMGE ist eine der renommiertesten
internationalen Kongresse auf dem Gebiet der Bodenmechanik und
Geotechnik. In Wien feiert er auch das 100-jährige Jubiläum von dem
Buch „Erdbaumechanik auf bodenphysikalischer Grundlage“, das Karl
Terzaghi 1925 in Wien veröffentlicht hat und das weithin als
Geburtsstunde der modernen Bodenmechanik gilt. Im Rahmen dieser
ICSMGE-Tagung wird es, erstmals in der Geschichte dieser
Tagungsreihe, eine Plenarsitzung geben, die von der EFFC (European
Federation of Foundation Contractors) organisiert ist und die
Bemühungen der Bauindustrie im Kampf gegen den Klimawandel und zur
Verringerung des CO 2 -Fußabdrucks vorstellt.
https://www.acv.at/de/ https://www.icsmge2026.org/en/
Bild(er) zu dieser Aussendung finden Sie unter http://bild.ots.at


